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Geschichte
des Seifenkistensports

Die ersten
offiziellen Kinderautomobilrennen, die geschichtlich erwähnt
werden, fanden im Jahre 1902 in Champigny bei Paris statt.
Inspiriert
durch das 5. großen „Gordon-Bennett-Rennen“, das am 17.
Juni 1904 zum ersten Mal auf
deutschen Boden bei Homburg (bei Frankfurt am Main) durch
den Taunus führte, wurde auch
die deutsche Jugend vom Rennfieber erfasst.
Viele
Kinder und Jugendliche in den Orten entlang der Rennstrecke
bastelten ihre eigenen Rennfahrzeuge aus alten Brettern und
Schrott zusammen und fuhren damit die Hügel am Rande der
Ortschaften hinab.
So
entstanden die ersten inoffiziellen Rennen von Kinderautomobilen
(den Namen Seifenkiste kannte man damals noch nicht). Das erste
offizielle Kinderautomobilrennen, das durch einen
Zeitungsbericht von damals belegt ist, entstand schließlich in
Oberursel. Bis zum Jahre 1907 erlebte der Sport in dieser Gegend
eine wahre Blüte, kam aber dann bald wieder in Vergessenheit.
In den 30er
Jahren bedruckte eine amerikanische Seifenfirma ihre
Transportkisten, mit denen die Seifen geliefert wurden, als
Werbegag mit den Umrissen von einfachen Kinderautomobilen. Diese
Transportkisten waren bei der amerikanischen Jugend sehr begehrt
und wurden dann auch zum Bau ihrer Rennfahrzeuge verwendet. Der
Name Soap Box - Seifenkiste - war geboren.
Nun
entstanden in Amerika auch die ersten offiziellen
Seifenkistenrennen. Nachdem die Automobilfirma General Motors
als großer Sponsor in diesen neuen Sport einstieg, wurde im
Jahre 1933 das erste große Soap Box Derby in Dayton/Ohio
CV(damals als Amerikanische Meisterschaft) veranstaltet, bei dem
immerhin über 350 Fahrer teilnahmen.
Das
„All-American Soap Box Derby“ fand ab diesen Zeitpunkt jedes
Jahr statt und sollte laut Berichten jährlich bis zu 75000
Zuschauern angezogen haben.
Bis heute
noch ist diese Veranstaltung das größte Seifenkistenspektakel
weltweit. Seit 1949 traten dort allerdings nicht nur die
amerikanische Fahrer an. Seifenkistenpiloten der ganzen Welt,
die sich hierfür qualifiziert haben, starteten in Dayton bei der
Weltmeisterschaft im Seifenkistensport.
Nach dem 2.
Weltkrieg brachte dann das amerikanische Militär, das innerhalb
ihrer US-amerikanischen Besatzungszone einen großen Teil
Westdeutschlands regierte, im Rahmen einer Umerziehungsmaßnahme
für die deutsche Jugend, den Seifenkistensport wieder nach
Deutschland.
Den jungen
Deutschen, die ja damals noch immer vor dem Trümmerhaufen des
Krieges standen und zum großen Teil an den Straßen
herumlungerten, sollte eine sinnvolle Aufgabe angeboten werden.
Durch die Rennen und vor allem durch den Bau der Seifenkisten
wollte man den Frust der Kriegsauswirkungen entgegenwirken, die
Buben beschäftigen, Interesse für Technik wecken und vor allem
den Mut, etwas Neues anzupacken. Vielerorts wurde dieses
Vorhaben von den jungen Deutschen auch gerne angenommen und so
blühte der Seifenkistensport in großen Teilen Deutschlands
wieder auf.
1949, dem
Jahr der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und im
folgendem Jahre 1950 fanden dann verstärkt mit Unterstützung der
Amerikaner überall in unserem Lande Seifenkistenrennen statt.
Die
Seifenkisten verbreiteten sich im ganzen Land schneller, als die
Kisten rollen konnten: 1949 nahmen in ganz Deutschland 15 000
Kinder an mehr als 500 Wettkämpfen teil. Die Deutsche
Meisterschaft wurde in München ausgetragen, auf einer eigens
gebauten, riesigen Holzrampe auf der Theresienwiese. Bis zu 15
000 Zuschauer kamen damals zu den Rennen. Der Gewinner bekam
eine 14-tägige Reise nach Amerika, zusammen mit seinem Vater -
weil doch einiger Schweiß der Väter in den Kisten steckte – um
an der Weltmeisterschaft teilzunehmen.
1951,
nachdem sich dann die Amerikaner wieder zurückgezogen haben,
übernahm die deutsche Autofirma Opel, die schon 1950 diese
Veranstaltungen mit der Lieferung Ihrer Radsätze unterstützt
hatte, im großen Rahmen die Förderung dieses Sports. Mit einem
immensen finanziellen Aufwand wurden diese Veranstaltungen
organisiert und geleitet.
Im Jahre
1973, nachdem sich Opel wieder von diesem Sport zurückgezogen
hatte, wurde der Deutsche Seifenkisten Derby e. V gegründet.
Unter diesem Dachverband werden seit dieser Zeit
Seifenkistenrennen in vielen Bundesländern organisiert und
ausgetragen.
In Bayern
hingegen ist der Seifenkistensport schon fast in Vergessenheit
geraten.
Was
allerdings die meisten Bürger in unserem Umkreis nicht wissen,
ist die Tatsache, dass gerade bei uns in Eggenfelden einmal das
Thema Seifenkistenrennen ganz groß geschrieben wurde. 1949 und
1950 hat es nämlich auch bei uns große, legendäre Rennen
gegeben.
So wurde
Ende Juni 1949 am Wurmannsquiker Berg das erste Eggenfeldender
Seifenkistenrennen ausgetragen. Hauptinitiator war der damalige
Lehrer und Leiter des Kreisjugendringes, Franz Randak. 48
Seifenkisten „bretterten“ in einem spektakulären Rennen im
KO-System den Berg herunter - vor immerhin über 4000 Zuschauern.
Die 20
besten Fahrer dieses Rennens konnten sich hierbei sogar
weiterqualifizieren für die niederbayerische Meisterschaft in
Deggendorf am Ruselberg.
Bei dem
Seifenkistenrennen im Jahre 1950 kam dann ein ganz Großer aus
diesen Reihen hervor
– Rupert
Grubwinkler aus Eggenfelden, der sogar wegen seiner Fahrtechnik
nach einem ganz berühmten Automobil-Rennfahrer dieser Zeit
benannt wurde, nämlich „Caracciola“.
Grubwinkler, der sich 1949 noch mit dem 4. Platz begnügen
musste, sicherte sich Mitte Juni 1950 in einer spektakulären
Fahrt den ersten Platz und trat dann mit einigen weiteren
Fahrern dieses Rennens, unter denen auch Ernst Eder aus
Weilberg, sowie Siegfried Sachs aus Eggenfelden waren, bei der
niederbayerischen Meisterschaft in Passau an. Die fünf Fahrer
vom Eggenfeldener Rennen belegten auch hier in der
Neuburgerstraße in einem Wahnsinns Rennen mit ihren überlegenen
Kisten, die immerhin schon mit den von Opel Sachs gestifteten
Opelradsätzen ausgestattet waren, die vordersten Plätze.
Grubwinkler, Sachs und Eder sowie die beiden weitere Fahrer
hatten sich somit für die bayerische Meisterschaft in München
weiterqualifiziert.
Bei einem
sehr harten Ausscheidungskampf unter Bayerns besten
Seifenkistenpiloten erreichte der damals Carraciola von
Eggenfelden einen spektakulären 2. Platz. Ganz Eggenfelden war
jetzt im Seifenkistenfieber und wartete mit Spannung auf das
größte Seifenkistenereignis in Deutschland – die deutsche
Meisterschaft in der US-Zone in Stuttgart. Anfang Juli 1950 war
es dann so weit - in einem irrsinns Rennen vor über 20 000
Zuschauer schaffte es der damals 14-jährige Eggenfeldener sogar
auf einen legendären 2. Platz.
Hätte sich
seine Hinterachse durch die vielen Ausscheidungsrennen und das
ständige Verladen der Kiste auf die amerikanischen Lkws nicht
gelockert, wäre er beim Finale wohl nicht ins Schlingern
gekommen. So kratzte er nur knapp an der Bestzeit vorbei. Nur
Bruchteile von Sekunden trennten ihn vom Sieg.
Der
Erstplazierte erhielt, von den Amerikanern finanziert, ein Reise
mit seinem Vater nach Amerika, um an der Weltmeisterschaft
teilnehmen zu können. Grubwinkler gewann ein Leichtkraftmotorrad
Marke NSU-Fox.
Der
„Carraciola von Eggenfelden“ wurde als deutsche Vizemeister, in
Stuttgart, München und schließlich bei uns groß gefeiert.
Bei der
anschließenden Teilnahme bei der Europameisterschaft durfte er
nicht mit seiner eigenen Kiste starten und landete auf Platz 12.
Wäre er mit seiner eigenen Kiste gefahren, wäre er sicherlich
wieder ganz vorne mit dabei gewesen.
Seit 1990
werden im niederbayerischen und oberbayerischen Raum vereinzelt
wieder Seifenkistenrennen veranstaltet, bei denen es sich
vorwiegend um Gaudiwettbewerbe und um Rennen der freien Klasse
handelt. Veranstaltungen des Deutschen Seifenkisten Derby e. V.
sind in Bayern eher selten. Da die Bauvorschriften hier sehr eng
und die Kreativität und die Gestaltungsmöglichkeit der
Seifenkistenbauer stark eingeschränkt sind, werden inzwischen
auch in anderen Regionen Deutschlands die Seifenkistenrennen der
freien Klasse immer beliebter.
Bei diesen
Veranstaltungen gibt es lediglich Bauvorschriften, die der
allgemeinen Sicherheit dienen. Rennregeln und Bauvorschriften
sind Ermessenssache des Veranstalters.
Das ist die Urform des
Seifenkistensports, die auch wir weiterpflegen wollen.
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